
Bundespräses Ottmar Dillenburg
Impuls der Woche
Die Frage nach dem Wohnsitz
Sie fallen auf in unseren Städten – die Obdachlosen, deren Zahl augenscheinlich zunimmt. Sie sind sichtbar in unseren Straßen, mitunter auch hörbar, wenn sie uns anbetteln. Nicht wenige von uns fühlen sich gestört, versuchen in einem großen Bogen um sie herum zu gehen. Aber letztlich können wir ihnen nicht ausweichen. Es sind einfach zu viele. Jeder und jede begegnet uns mit der jeweils eigenen Geschichte. Ein Leben auf der Straße, weil die Chancen zu Beginn nicht da waren. Ein Leben auf der Straße, weil ein persönlicher Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen hat. Ein Leben auf der Straße, weil der Alkohol scheinbar gewonnen hat.
Die Beispiele lassen sich in alle Himmelsrichtungen erweitern, immer mit dem gleichen Ergebnis: Kein Dach über dem Kopf, kein Zuhause. Im Evangelium hören wir (Joh 1,35-42) die Jünger Jesus fragen: „Meister, wo wohnst du?“ Knapp antwortet Jesus: „Kommt und seht!“ Eine Einladung, die bei diesen Männern Enormes auslöst. Hier werden ihnen Perspektiven geboten, mit denen sie selbst wohl nicht mehr gerechnet hatten. Eine neue Art des sozialen Lebens, eine Art des Denkens für und mit dem Anderen, eine neue Art, die nicht mehr die bisher normalen, gewohnten und sogar erstrebenswerten Kriterien eines Erfolgsdaseins ausgemacht hat. Jesus gibt sich selbst mit hinein und ermöglicht damit Leben für andere. Und das haben die beiden bei ihm zu Hause erfahren und erlebt und konnten später davon erzählen. Er ist der Messias. Beweise hatten sie dafür nicht. Einfach durch die Art seines Daseins war ihnen erfahrbar und spürbar, hier ist etwas ganz Neues, etwas ganz Anderes jenseits aller Wunder. Jenseits aller tiefschürfenden theologischen Diskussionen genügte seine Gegenwart, wie er mit ihnen und für sie da war, den Jüngern die Augen zu öffnen. Dies war es, was die beiden in Zukunft erklärten und verkündeten und überzeugten damit andere, auch diesen Weg Jesu gehen zu wollen. Auch sie wollten diese unglaubliche Nähe erfahren, ertasten, erspüren: Zu Hause sein!
Vielleicht nutzen wir die vor uns liegende Woche, nachzuspüren, was die Erfahrung der beiden Jünger mit diesem Mann aus Nazareth bedeuten kann. Versuchen, ihn einfach einzulassen als Gast in unser Leben als Ratgeber, als Begleiter, jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment aufs Neue.
Msgr. Ottmar Dillenburg
Bundespräses